Arras de Mott

Auszug aus dem Folianten, den ihr in der Höhle des verwahrlosten Hüters Rochus gefunden habt…

…soll hier getreulich Zeugnis abgelegt werden vom Leben des Hochheiligen Hüters Arras de Mott, der den Geiste Praios‘ in Wort und Tat lebte und so sehr vom Geist des Alveranischen Richters erfüllt war, dass es das Verständnis seiner geringeren Diener oft überstieg. Ein praiosfürchtiger Mann und doch kaum mehr als ein einfacher Pilger, befand sich der geheiligte Herbald am ersten Tag des ersten Monats im Jahre 849 nach dem Fall des tausendtürmigen Bosparan auf der Reise von Lowangen gen Greifenfurt, als ihn einem Bannstrahl aus Alveran gleich die Erkenntnis in Form einer Vision des Götterboten Urischar überkam. Über den Inhalt der Vision selbst vermag nur der Hochheilige selbst in seinem gottgegebenen Werk „Offenbarung der Sonne – Gespräche mit dem Götterboten“ Auskunft geben. In jedem Falle war Gerbald, als er seinen Weg nach Greifenfurt fortsetzte, ein anderer Mensch geworden, der vom Geiste Praios‘ erfüllt unter dem Namen Arras de Mott den Orden des Heiligen Hüters begründete und viele Entscheidungen traf, die den Segen des Obersten der Zwölfe hatten, obgleich sie für die meisten Leute nur schwer nachzuvollziehen waren. So entschied er sich zu einer Klostergründung inmitten der Wildnis des Finsterkammes, abseits jeglicher menschlicher Besiedlung, an einem Ort, den Urischar ihm gewiesen hatte…

[…]

…Zeit seines Lebens war es der größte Wunsch des Hochheiligen, auf dem Hauptsitz des Ordens seine letzte Ruhe zu finden. Im Jahre 896 nach Bosparans Fall nun erkannte er, dass seine Zeit bald gekommen war und er binnen Jahresfrist sterben sollte. So traf er umfassende Vorbereitungen, sein bevorstehendes Ableben betreffend. Aus Greifenfurt rief er den bekannten Goldschmied Golbur Dergeler zu sich und unterhielt sich lange mit diesem über einen besonderen Gegenstand, den er angefertigt wissen wollte. Dergeler blieb im Kloster und schuf dort unter dem weisen Blick des Hochheiligen Hüters ein Szepter aus Gold, Mond- und Bernstein, das als Zeichen der Würde des Hohen Lehrmeisters in scharfem Gegensatz zur praiosgefälligen Demut und Bescheidenheit zu stehen schien und doch den Geiste Praios‘ atmete. Es handelt sich um einen sich nach unten hin verjüngenden Stab aus Gold, an dessen oberem Ende eine Halbkugel aus bläulichem Mondstein mit filigranen Einlegearbeiten aus Mondsilber, Madamal und Praioskugel repräsentierend, eingelassen sind, während das untere Ende in einem kugelförmigen Bernsteinknauf ausläuft, um den ringsherum die Zeichen der sechs Elemente eingraviert sind. Am Kopfende, direkt unter der Mondstein-Sphäre ist liegend das Relief eines stilisierten Mönches herausgearbeitet, von dem aus eine regelmäßige Zickzacklinie spiralförmig um das Szepter herumläuft, Mondstein und Bernstein miteinander verbindend. Am merkwürdigsten muten aber die beiden finsteren, echsischen Gestalten an, die bis ins kleinste Detail herausgearbeitet als einzige Unterbrechung der Zickzacklinie den Stab entlang zu krabbeln scheinen.

Der Hochheilige Arras de Mott persönlich weihte das Szepter in heiliger Zeremonie, über dessen Bedeutung er rätselhafte Andeutungen machte. Es scheint sich bei dem Szepter und den darauf befindlichen Symbolen um ein Sinnbild des Mysteriums von Kha zu handeln, dem Madas Frevel als Zeichen der Ungehorsamkeit und Anmaßung gegenübersteht. Die Aufgabe des Hüters liege darin, die anmaßenden Menschenkinder in ihrem Wissensdrang zu zügeln, da dies unweigerlich den Kräften der Niederhöllen den Weg ebnen würde – so lauteten die weisen Worte des Hochheiligen, als er in feierlicher Andacht das Szepter seinen Brüdern präsentierte…

[…]

…ging sein Leben – wie er es vorausgesehen hatte – dem Ende zu, doch stand er aufrecht und erhaben bis zu seinem letzten Tage. An diesem aber erwählte er sich aus den Reihen der Ordensbrüder seinen Nachfolger und übergab diesem sein Amtszepter mit den Worten: „Nimm den Pförtner, der den Gerechten den Weg weist, wenn die Tochter der Schlange wieder im Frevel erstrahlt!“ Dann warf der Hochheilige einen letzten Blick über sein Kloster und den umgebenden Finsterkamm, bettete sich zur Ruhe und verstarb in der folgenden Nacht…

 

 

Auszug aus den Schriftrollen, die ihr beim verwahrlosten Hüter Rochus in seiner Höhle in der Wildnis des Finsterkamms gefunden habt…

…war es der Wille und Gesetz von Urischar, dem geheiligten Alveraniar der Ordnung, unseren hochheiligen Ordensgründer bei seiner Erleuchtung zu taufen mit einem neuen, göttergefälligen Namen. Und so wurde aus dem einfachen, aber praiosgefälligen Pilger namens Herbald jener Mann, dessen Name von diesem Zeitpunkt an lautete „Arras de Mott“ und dessen Lehre uns Pflicht und Erfüllung gleichermaßen ist. Ein strahlender, doch wahrlich wunderlicher Name, dessen Nennung Ehrfurcht gebietet und der doch einen Hauch jenes Mysteriums birgt, das alles Handeln der unsterblichen Zwölfe umgibt. So leicht der göttergewählte Name unseres Ordensgründers und Hochheiligen der Gemeinschaft des Lichts auch von der Zunge geht, dem Geiste gibt er doch so manches Rätsel auf.

Den Beinamen „de Mott“ hat keiner unserer Mitbrüder je in einer Urkunde entdecken können. Es scheint gar, dass niemals eine Familie oder ein Namensvetter existiert habe, an dessen Andenken der geheiligte Urischar uns gemahnen wollte – weder im Süden Aventuriens, noch im Norden des Kontinents. Aber vielleicht war dies auch nicht der Wille des Alveraniars.

Besser steht es um den ersten Teil des Namens: „Arras“. Denn dieser Name ist verbreitet bei den Bauern nahe des Ambossgebirges und ist wahrscheinlich auf den Zwergennamen „Arrax“ zurückzuführen. Auf Rogolan, der Sprache der Zwerge, bedeutet dies „Hüter“ oder „Wächter“. Interessanterweise findet man diesen Wortstamm auch im elfischen Isdira. Dort wiederum leitet er sich von „Aras“ ab, was ins Garethi übertragen soviel wie „Geheimnis“ bedeutet.

Verwirrender wird es bei der Endung „Mott“. Bemüht man das gelehrte Bosparano, das eine Weiterentwicklung des noch älteren Güldenländischen sein soll, so ist es nur allzu wahrscheinlich, dass „Mott“ entweder der Ursprung oder die Weiterentwicklung von „Mort“ ist. Dieses Wort steht für „Sterblichkeit“, „Tod“ und auch „Verstorbener“. Und auch bei den Thorwalern existiert ein uraltes Wort, das angeblich vom Güldenländischen abstammt. Es lautet „Motta“ und bedeutet „Erdscholle“. Doch nicht genug der Rätsel. Im verfluchten Selem war „Mot“ in früheren Tagen die Bezeichnung für einen Wissenden, einen „Wahrer“, während das ungebräuchliche „Moht“ nichts anderes als „Geheimnis“ heißt. All diese verwirrenden Deutungen lassen daher keinen eindeutigen Schluss zu und weisen nur auf etwas sehr Altes hin.

Bedeutet Arras de Mott nun „Hüter der Erdscholle“, „Hüter des Geheimnisses“ oder gar „Geheimnis des Hüters“? Der Hochheilige hat sich zu diesem Thema zu Lebzeiten stets ausgeschwiegen.

Doch es ist undenkbar, dass Urischar unseren hochheiligen Ordensgründer ohne Grund bei diesem Namen genannt hat. Somit bleibt die wahre Bedeutung dieses Namens wohl auf immer ein „Geheimnis des Verstorbenen“ – eine Namensinterpretation, die streng genommen ebenfalls in Betracht gezogen werden muss…

Quelle: Rückkehr der Finsternis

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