Tagebuch der Schwester Laniare

Dieses Buch stammt aus dem Tsa-Tempel zu Dragenfeld und gehörte einst der Geweihten Schwester Laniare.

Insgesamt umfasst das kleine Büchlein rund 200 Seiten. Beginnend mit Laniares Ernennung zur Geweihten Dragenfelds im Jahre 1010BF beschreibt die Geweihte darin ihr tägliches Leben.

Laniare Armand

geb. zu Beilunk 2 v. Hal

1 EFF 17 – Mir wurde mitgeteilt, ich solle den Tempel der Jungen Göttin in einem kleinen netten Dorf Dragenfeld im Weidenschen übernehmen. Wie sehr ich mich freue! Ich werde schon übermorgen aufbrechen. Auf dem Wege werde ich Mütterchen Linai in Baliho besuchen: das wird eine feine Nachricht für sie sein! Danke, meine liebe Göttin für diese wunderbare neue Aufgabe!

[…]

Die ersten Tage und Wochen beschreiben Laniares Freude über die Aufgaben des Tempeldienstes
und wie freundlich sie von den Dörflern empfangen worden sei.

[…]

20 HES 17 – Es ist kalt, wie es der grimme Herr Firun liebt. Aber ich liebe die Sonne und an solch dunklen Abenden beginne ich oft zu grübeln. Der Dienst hier im Tempel will nicht mehr so recht Freude machen: immer die gleichen Handlungen, Tag aus Tag ein. Und die Dörfler sind so lieb, so freundlich und respektvoll, und so einfältig, daß man sie manchmal schütteln möchte.

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3 FIR 17 – Verzeih‘ mir Herrin, ich habe heute den Tempel geschlossen gehalten, weil ich es nicht aushalten mochte, in die dummen Gesichter zu schauen, die doch von Dir so gar nichts wissen, völlig ungeachtet dessen, was ich ihnen schon erzählt habe. Bald wirst Du mit Deiner Schwester Peraine die Felder und Wiesen zum Blühen bringen und wir werden feiern und der Schmied wird sich betrinken und mir wieder dreiste Anträge stellen. Und ich werde ihnen wieder Deine Gebete von neuem beibringen müssen, denn sie wollen immer nur jene beten, die sie von Bruder Rupold schon erlernt haben – vor Jahren!
Sie sperren sich einfach jeder Veränderung. Ich weiß doch, daß dies nicht Dein Wille ist, aber sie folgen mir nicht, können mich nicht verstehen.

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Laniare scheint sich immer mehr zurückzuziehen und ihren eigenen Gedanken nachzuhängen. Sie verschließt sich bewußt vor den einfältigen Dörflern, doch scheint diese das – nach Laniares Eindruck – nicht zu stören.

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1 TSA 18 – Den Feldsegen habe ich heute gesprochen, aber ich weiß nicht recht, wozu… Hier bleibt immer alles gleich. Verzeih‘ mir, Herrin, versteh‘ mich nicht falsch: ich liebe Dich noch immer über alles – aber es fällt mir so schwer, nicht immerzu grübeln zu müssen. Was ist Deine Gestalt, Vielgestaltige? Ich habe gelernt, daß schon die Echsischen Dir huldigten und sie werden auch ein Bild von Dir gehabt haben, nur welches? Hast Du Dich vor ihnen auch so verborgen, wie vor mir?

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21 RON 19 – Herrin, wo bist Du?! Den ganzen Sommer warte ich auf Dich und suche nach Dir im Sonnenlicht und im Duft des blühenden Grases, aber ich habe immer den Eindruck, daß Du nicht da bist, wo ich bin! Erklär‘ mir doch Deinen Willen und gib mir einen Hinweis, hilf! Ich sehe doch, daß Dein Wille ein anderer ist, als das Geschehen, wie es hier auf Deren ist. Wie bloß kann ich Dich anrufen, damit Du zu mir hinabsteigst aus Alverans Paradies, damit ich Dich greifen und ansehen kann, damit Du gemeinsam mit mir Dein Werk hier tun kannst. Du kannst das doch? Die Welt verändern?

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Einträge wie diese häufen sich – sie würden selbst in der Tsa-Kirche als ketzerisch gelten, insbesondere, weil die junge Geweihte immer wieder nach dem echsischen ‚Wesen‘ der Göttin fragt. Laniare scheint das zu ahnen, aber sie hat niemanden, dem sie sich mit ihren Gedanken anvertrauen mag, der ihr andere Erklärungen geben könnte. Daneben erfüllt sie ihre Geweihten-Pflichten nunmehr mit fatalistischer Einstellung: Immer das gleiche, wie die Dörfler es wollen.

[…]

5 PER 19 – Endlich ein Mann von Bildung, ein Tulamid dazu – doch gewiß kein Rastula-Anbeter! –, der das Echsische wohl aus der Nähe kennt! Er befindet sich auf Studienreise im Dorf, ein seltsamer Bursche aber: er geht gebeugt und trägt immerfort weite schwarze Gewänder und etwas Furchtbares muß ihm einst zugestoßen sein, denn sein Körper scheint gar greulich verbrannt zu sein. Doch versteckt er diesen Makel tunlichst, so getraue ich mich nicht, nachzufragen. Er riecht auch nach starkem Duftwasser, wie es im Tulamidenland wohl üblich ist, und ist im halb verschleierten Antlitz mit dicker Farbe geschminkt – er trägt überdies eine schwarze Klappe über dem linken Auge, geradezu unheimlich. Aber wir haben uns sehr interessant unterhalten und ich bin sicher, man kann mit ihm auskommen!

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16 PER 19 – Ich unterhalte mich oft mit ben Seyshaban und er hat mir ein hochinteressantes Buch gegeben. Der CS wird mir sicherlich Neues über die Echsischen und ihren Kult berichten – vielleicht komme ich jetzt Deinem Wesen näher, Herrin!

[…]

17 PER 19 – Ben Seyshaban hat tatsächlich um Erlaubnis gebeten, sich in der alten Festung Drachentodt ansiedeln zu dürfen! Darüber bin ich herzlich froh, denn er ist so gelehrt und hat mir schon so viele neue wunderbar interessante und bunte Ideen beibringen können. Wenngleich: er ist auch ein Mann von Macht, umgeben von einer Aura, die ich nicht recht zu deuten vermag, die mir aber gelegentlich Unruhe bereitet, was wohl auch daran liegen mag, daß ihm ein grausiges Schicksal zuteil ward. Manchmal scheint er mir gar näher dem Reiche Gevatter Borons, als dem der Lebenden – aber er bekundet größten Respekt vor Deinen Lehren, Junge Herrin.

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9 ING 19 – Der Gelehrte reist wieder gen Süden, bis der Entscheid des Markverwesers eingetroffen ist. Das ist schade, doch hat er mir den CS als Leihgabe übereignet und versprochen, mit mir Briefe zu schreiben!

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Der Krieg gegen die Orken behindert den Entscheid, ob ben Seyshaban einziehen darf oder nicht, Laniare setzt sich abermals beim Markverweser dafür ein und bekommt eine Zustimmung. Ihr Briefkontakt zu ben Seyshaban scheint intensiv zu sein, auch wenn Laniare trotz ihrer Begeisterung vorsichtiger ist, was sie in ihr Tagebuch schreibt.

[…]

24 EFF 20 – Ben Seyshaban hat wieder geschrieben: Dank Dir, Herrin, für diese Bekanntschaft! Er hat mir das Kapitel IV im CS ausgelegt und mich Dir so viel nähergebracht! „Z’zah“, das ist Dein Name! Keine Zeit, die neuen Erkenntnisse niederzuschreiben – das Schrift-Studium macht erstmals wieder Freude!

[…]

2 BOR 20 – Mache Fortschritte, ben Seyshaban schreibt viel und gut: seine Erklärungen sind so einleuchtend einfach! Z’zah hat den Mann mit großer Einsicht gesegnet. Wer hat ihm bloß seine Gesundheit
genommen?

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19 HES 20 – Oh, Z’zah! Dein schillernder Leib ist schuppiger, als wir es jemals gelehrt bekamen… Muß ich wahnsinnig werden, oder größere Weisheit erlangen, um das zu verstehen?
{Z’zah-Glyphe} – Seltsame Zeichen, ich will sie verstehen lernen!

[…]

FIR – Die Wintertage geben mir Zeit. Studiere CS jetzt systematisch unter brieflicher Anleitung. Viele neue Erkenntnisse. H’Szint.

[…]

Nur gelegentliche Einträge, der Briefkontakt scheint ununterbrochen zu sein.

[…]

{Z’zah-Glyphe} – Z’zah, merke: Figur eines Lebensbaumes. Welche Bedeutung mag dieser für die Geschuppten gehabt haben?
{H’Ranga-Glyphe} – H’Ranga, mir ebenfalls unbekannt.
{H’Szint-Glyphe} – H’Szint, die schlangenleibige Gebärerin der Welt? Priester?
{P’pyrr-Glyphe} – P’pyrr? nachfragen!
{Ssad’Nav-Glyphe} – „Ssad’Nav“, aber kann das sein?

[…]

15 ING 20 – Ben Seyshaban renoviert die alte Feste, des Abends unterhalten wir uns über Philosophie. Ich bin froh, ihn als Gesprächspartner zu haben, doch war ich einmal mehr erschüttert, wie sehr ein leiser Geruch des Todes (trotz des Duftwassers) ihn umweht. Habe zu Z’zah gebetet, seinen Körper zu heilen!

[…]

4 RAH 20 – Oh, ihr Höheren, was meine Augen sahen! Ssad’Nav, Du unergründlichster der Götter, Du hast Deinen Geweihten geschickt, um meine Augen zu öffnen? Ein Geweihter Satinavs?! Aber ich glaube ihm, wie könnte ich anders: Herrin, Du hast es gesehen, wie ich, wie er die Zeit anhielt! Die Zeit! Was für ein Beweis seiner Macht – eine Macht von der ich durste mehr zu erfahren! Aber er mahnt zur Geduld und ich will ihm folgen…

[…]

6 RON 21 – {Z’zah-Glyphe}{Ssad’Nav-Glyphe} – Z’zah und Ssad’Nav, natürlich! Wie könnte der Wandel sein, ohne daß Zeit verstreicht, wie die Zeit existieren, ohne daß der Wandel ihr Wirken beweist? Werden und Vergehen sind Eins im Lauf der Welt, der Ssad’Nav war / ist / sein wird und Z’zah zugleich. Seine Gnaden sagt, das Vergehen sei sein persönliches Zeichen der Macht. Schrecklich, doch er habe das Opfer mit Freuden gebracht – bewundernswert.

[…]

12 RON 21 – Seine Gnaden hat erkannt, worüber ich schon so lange grüble! Er sagte, er könne mir Wege eröffnen, welche die Kraft meiner Göttin, die doch im steten Wechselspiel mit seinem Gotte ist, dorthin zu lenken, wo sie am dringendsten gebraucht wird – in der Welt, den Menschen zum Nutzen und den Höheren zur Ehr! Wie einleuchtend! Wie gemeinisvoll! Was unsere Kirchen alles wissen – und doch verheimlichen sie es! Ich will diese Wege beschreiten, denn sie stehen doch allen Wesen weit offen nach dem Willen der Höheren und durch die Kraft H’Szints und P’pyrrs. Dann werde ich Deinen Willen erfüllen, {Z’zah-Glyphe}!

[…]

15 RON 21 – Mache Fortschritte, das Zelemische ist mir nie allzu schwer gefallen, und die neuen Glyphen gehen deshalb leichter von der Hand. Schrift der Weisen, der Ur-Alten und Wissenden! Wir
studieren gemeinsam das LZS.

[…]

Die Einträge werden sehr kurz und kryptisch. Eine Menge Glyphen tauchen auf, werden aber kaum erklärt. Immer wieder die Namen Z’zah, Ssad’Nav, H’Szint, P’pyrr, gelegentlich auch H’Ranga, Ssad’Hvarr, Kha’a. Offensichtlich stellt Laniare das alt-echsische Pantheon auf die gleiche Stufe mit den Zwölfen – insgesamt spricht sie aber immer nur von ‚den Höheren‘, statt von ‚Göttern‘.
Immer wieder wird auf Bücher verwiesen, die ben Seyshaban Laniare freigiebig ausleihen und studieren läßt: hauptsächlich werden CS und LZS genannt, aber oft tauchen im selben Verweis auch zwölfgöttliche Schriften auf. Das LZS studiert Laniare gemeinsam mit ‚Seiner Gnaden‘, und aus diesem Buch erlernt Laniare mit ben Seyshabans Hilfe – aber auch eigenständig, wie sie schreibt – einige Anrufungen der Gottheiten Z’zah und Ssad’Nav. Diese Anrufungen zeigen tatsächlich auch schon bald Wirkung, welche
Laniare akribisch dokumentiert.

[…]

26 FIR 21 – Habe vor zwei Wochen mit den Dörflern die Shiz’msshr-Liturgie gemäß LZS durchgeführt, um den Frühling zu grüßen und Freude auf Z’zahs Blühen zu wecken. Die Hohe heißt mein hartes Studium gut! Seitdem scheint jeder Tag ein Mehr der fröhlichen Zuversicht und des Vertrauens in die Mächte des Werdens hier unter den lieben Menschen zu bringen – selbst der grummelige Bauer Firnwulf, der sonst selten in den Tempel kommt, hat neulich beim Gebet gelacht und mir danach freundliche Worte
gesagt. Alle sind glücklicher als sonst – sszitsch kar’anzsh ha’rr z’zahha!

[…]

2 {Z’zah-Glyphe} 21 – Unter der Anleitung von Seiner Gnaden habe ich gestern ein größeres Ritual des Lebens durchgeführt – ich bin mir sicher, daß Z’zah mir gnädig ist!

[…]

17 PER 21 – Siehe, all die schönen Pflanzen! Mein Segen gilt und die Bauern sind glücklich! Seine Gnade versprach, mich im nächsten Jahr noch ein größeres Ritual zu lehren – welche Wunder kann ich tun, oh Herrin… Er sprach zu mir auch über die Gefahren unseres Studiums: daß die Kirchenoberen nicht selten blind seien für jene Kräfte, welche die Hohen uns geschenkt haben, daß manche es gar absichtlich geheim hielten. Der Gedanke macht mich traurig, aber ich muß wohl zustimmen, denn was ich lerne ist gewiß nichts falsches und kein Unrecht – doch habe ich schon ein wenig Furcht vor den gestrengen Brüdern und Schwestern im Dienste des ernsten Herren Praios. Gerade sie neiden uns doch schon seit langem unsere Kraft, sie horten Gold und Wissen und verehren das brennende Licht, welches nur vernichten und bannen kann, nicht wärmen… Ihre Ordnung ist ewig und unwandelbar – oh, Frevel! – und ihre Macht ist kalt und
ohne Sinn für die Schönheit des Lebens.

[…]

Im fortschreitenden Frühling und Sommer wendet Laniare einige neue Tier- und Pflanzensegen „gemäß LZS“ an, aber auch Heilungen und sogar kleine Reparaturen scheint sie in der Herbstzeit vorzunehmen, die sie deutlich als Anrufungen Satinavs auszeichnet.

[…]

9 H’Szint 22 – Seine Gnade muß wahrlich ein hoher Diener Ssad’Navs sein! Es war sehr stürmisch gestern abend, nach dem Studium bin ich deshalb in Turm Drachentodt geblieben um mir auf dem Rückweg nicht den Hals zu brechen. Seine Gnaden hatte mir schon vor einiger Zeit eine Überraschung angekündigt und gestern sagte er, der Moment sei gekommen. Wie soll ich es beschreiben? Wer hat solches schon gesehen? Ich möchte mich anvertrauen, doch mit niemandem kann ich das Wissen um solche Mächte teilen… Ssad’Nav selbst hat sich mir auf Bitten Seiner Gnaden gezeigt, in all seiner Pracht und Herrlichkeit – er ließ mich lä ngst vergangene Zeiten schauen und in einem Sturm der Bilder streifte mich ein Hauch der
Ewigkeit: Wie klein, wie ach so unbedeutend sind wir Menschelein! Im Wunder des Hohen, des Steuermanns in Ketten sah ich Turm Drachentodt und mein Dörfchen vor längst vergangnen Jahren als Grenzfestung mit ansehnlichen Rittern in blinkenden Rü stungen auf den Mauern. Ich sah Rotpelze, wie sie in Scharen die umliegenden Hänge hinabstürmten, sah fürchterliche Schlachten und die siegreichen Rondrianer des Theaterordens, sah die Bauarbeiten an der Festung und sah die schroffen, unbewohnten Kämme der Sichel, wie sie schon vor Jahrtausenden um uns herum so lag, wie jetzt…! Wie klein, wie klein bin ich gegen die Jahrzehntausende der tosenden Urgewalten, welche er mir zeigte – ich vermeinte Zwergen gar zu sehen, wie sie in unseren Bergen gruben als es die Menschen vielleicht noch nicht gab, und doch von den Goblins wohl vertrieben wurden, wann mag das gewesen sein?! Meine Göttin, ich bin überwä ltigt… Und doch: Auch ich sei gesegnet, sagte er, Seine Gnaden versprach mir gar, mich ähnliches zu lehren – eine Anrufung der Ewig Jungen Z’zah, wie sie nur die alten Echsen kannten! Eine neue Zeit sei angebrochen und es sei notwendig, altes Wissen wieder zu verbreiten… Geduld, Laniare, Geduld, es ist schwer, all dies zu fassen und zu glauben – doch der Beweis ist nicht von der Hand zu weisen. Ich soll solche Macht besitzen? Ich soll so großen Ruhm in die Kirche meiner Göttin tragen? „Zweifelt nicht“, sagte er, und ich vertraue ihm.

[…]

15 FIR 22 – Weh mir, unsere Vorbereitungen sind fast beendet und doch habe ich Zweifel… Seine Gnaden ist wieder auf Reisen gegangen und hat mir die Ausführung der Frühlings-Liturgie allein überlassen. Es ist so schwierig, nichts, das ich schon kenne, ist so kompliziert.

[…]

16 FIR 22 – Selbst im gestrengen Firunmond wirkt die Vielgestaltige auf Deren: der Hirtin Minnelieb und dem Schmied Grundel ist ein strammer Junge geboren worden.

[…]

23 FIR 22 – Der Tag, an dem sich meine Macht mit der meiner Herrin vereinen soll, rückt näher und noch immer bin ich mir nicht sicher. Warum hat Seine Gnaden mich diese schwierigen Verse, die ich nicht entziffern kann, gelehrt und ist dann verreist? Ich erkenne doch zumindest, daß viel öfter der geheiligte Name {Ssad’Nav-Glyphe}s vorkommt als jener {Z’zah-Glyphe}s – ist mein Zaudern Frevel?

[…]

29 FIR 22 – Im LZS suche ich Gewißheit, doch ohne die Hilfe Seiner Gnaden fällt mir das Studium schwerer. Z’zah, gewähre mir Erleuchtung! Ich kenne die Gesänge nunmehr auswendig, alles dürfte gelingen – allein das Vertrauen wankt. Auch fühle ich mich schuldig, denn ich habe Turm Drachentodt ohne Einladung besucht. Bloß den CS wollte ich borgen, um etwas nachzuschlagen – doch darinnen fand ich ein altes Pergament. Statt es beiseite zu legen, wie es nur schicklich wäre, hab ich’s genommen und gelesen, und auch wenn ich nur weniges entziffern konnte, so macht es mir ein wenig Sorge… Herrin, wärme mich in diesem Winter!

[…]

1 Z’zah 22 – Ich habe mir ein Herz gefaßt und den Großen Segen gemäß LZS doch erbeten! Alas! – die Herrin muß meinen Geist erleuchtet haben, es zu tun, wie froh ich bin, daß sie mir ihre Gnade nicht verwehrt hat. Nie habe ich dergleichen erlebt – deutlich konnte ich den Frühling fühlen, wie er durch meine Adern strömte und durch meine Worte, Gesten, Schritte auf das Land, das Dorf, alles Getier und alles Kraut überging! Es liegt ja noch Schnee da draußen, doch schwoll mit einem Mal die Lebenskraft im ganzen Umkreis an, vereinte sich durch meine Hände zum wunderbaren, großen, allgewaltigen Strom der Herrin und allerorten bricht das lang ersehnte Wachstum schon hervor! Jetzt kann ich Seiner Gnaden glauben – der Geweihte hat wahr gesprochen – ich bin berufen – oh, Glückseligkeit!

[…]

3 PHE 22 – Dem Hause Fridholm ist ein Mädchen geboren worden, ein paar Wochen zu früh zwar, doch die Kleine ist wohlauf, Z’zah sei’s gedankt!

[…]

14 PHE 22 – Allerorten kommen die Triebe aus der Erde, daß es eine wahre Freude ist, und jeden Tag danke ich der Herrin. Wann mag Seine Gnaden zurückkehren, damit ich auch ihm meinen Dank aussprechen kann?

[…]

27 PHE 22 – Vor wenigen Tagen fand ich am Wege eine wundersame Blume, die ich zuvor noch nie gesehen habe: Ihre Blätter sind pfeilspitzenförmig und sehr scharf, so daß ich mich an ihnen leicht verletzte. Ihre Blüte hat Ähnlichkeit zu den Rahjaliebchen, welche ich in meinem Garten habe, doch sprießt sie seltsam verdreht aus dem Stengel und hat eine gelbliche Farbe, die nicht allzu schön anzusehen ist. Aber das Wirken Z’zahs ist ja bekanntlich unergründlich und nachdem sie ihren Segen so reichlich gab, will ich die Schönheit dieser neuen Blume nicht verkennen!

[…]

5 PER 22 – Oh weh, das Kind der Bäuerin Peraingard Fridholm ist tot! Seine frühzeitige Geburt muß dem armen Ding doch ärger zugesetzt haben… Der Herr Boron wird’s in seine Armen nehmen.

[…]

10 PER 22 – Bei der wundersamen Kraft der Vielgestaltigen! Der Segen beweist seine Macht: wenn die Rüben weiter derart sprießen, werden wir schon bald ernten können! Nahezu jeden Tag kommen die Bauern zu mir und zeigen mir voll Freude ihre Feldfrüchte. Der Weizen schießt nur so in die Höhe und auch die Blumenwiesen sehen wunderbar aus – und bei Arsteins gibt es schon Äpfel von der Größe eines Kinderkopfes! Fast ein wenig unheimlich, aber es wird schon alles rechtens und nach dem Willen der {Z’zah-Glyphe} sein…

[…]

16 PER 22 – Herrin hilf, habe ich etwas falsch gemacht!? Bauer Firnwulf hat mir seine Kartoffeln gezeigt, die übermäßig groß und recht wässerig sind, wie schon Arsteins Äpfel. Auch andere Pflanzen und die Bäume in meinem Gärtchen wachsen auf seltsame Weise – verdreht und mit Blüten, die kaum blühen und gleich verfaulen.

[…]

19 PER 22 – Alles ist falsch, ich muß den komplizierten Segen ganz verkehrt gesprochen haben: zwar sind die Früchte des Feldes nicht alle verderbt, aber ihr Riesenwachstum kann nicht von der Herrin gewollt sein. Die Bauern sind noch froh über die baldige Ernte, aber in Bauer Grünspinns Schafstall sind nun auch mehrere Lämmlein gestorben und ihre Kadaver sahen ganz seltsam verdorrt aus.

[…]

4 ING 22 – Ich kann nicht mehr an einen Segen glauben, es ist ein Fluch, den ich über dieses Land herabgerufen habe – und ich bin fast sicher, daß die alte Echsenschrift genau dies beabsichtigt…! Dreifach weh, Göttin Tsa, so hilf mir doch! Habe ich Dir gefrevelt, daß Du mich jetzt verläßt? Hast Du mir nicht alle Zeit beigestanden und mich die Gebete zu Deiner Verehrung gelehrt? Habe ich nicht viel Gutes getan mit Deiner Macht, daß Du mir jetzt solches Grauen aufbürdest? Nein, ich kann nicht an Dir zweifeln – es muß Ben Seyshaban gewesen sein, er riet mir zur Durchführung des Rituals, wußte er wirklich, was es tut?

[…]

9 ING 22 – Die Bauern bringen die Ernte ein, aber es wird schon gemunkelt wegen dem seltsamen Sprossen und manche schauen mir hinterher. Minneliebs Säugling ist schon so hoch wie ein Wagenrad und kann nur noch mit Ziegenmilch ausreichend gesäugt werden – dafür wächst kein einziges Haar an seinem Körper… Herrin, ich flehe nach Dir! Was ist dies? Hat der Priester Satinavs mich zu üblem Spiel mißbraucht? Warum seine eilige Abreise?

[…]

12 ING 22 – Die Bauern haben schon jetzt reichlichen Zehnt gebracht, einige Monde vor der Zeit! Einiges Gemüse ist gut, aber anderes schmeckt fad, obwohl es prächtig aussieht. Ben Seyshaban ist nicht da. Ich verbringe viel Zeit im Gebet, aber ich weiß nicht, was es hilft.

[…]

17 ING 22 – Oh, Göttin, diese Strafe! Dieses Grauen! Ich lebe in Angst und Not: Bauer Sulm kam heut Mittag vor den Tempel und legte ein grausiges Kalb auf meiner Schwelle nieder – es war gerade geboren und hatte aber zwei verkrüppelte Köpfe! Gerad‘, als wir es unter Tränen und Gebeten verbrennen wollten kamen Mooswyns daher und brachten ein zweites, ebenso entstelltes Kalb, dessen Mutter bei der Geburt elendiglich verreckt sei. Beide Haushalte glauben an Hexenwerk – aber ich, ich kann nicht anders, als mich selbst als die Hexe zu sehen! Nein, nicht ich allein: Ben Seyshaban muß alles gewußt haben, er war mein Lehrer, er hat mich falsch gelehrt, er {Tintenklecks und verwischte Tränenspuren}

[…]

20 ING 22 – Die Dörfler haben so große Angst wie ich. Ich habe einen Stallburschen nach Salthel geschickt, vielleicht kann der Hofmagus etwas tun, er soll die Geweihtenschaft in Trallop benachrichtigen. Ich bete seit vorgestern ununterbrochen und schlafe nur wenig, denn meine Träume sind noch schlimmer als die Wirklichkeit. Aber mein Kopf dröhnt, als ob Dämonen darinnen hämmern und meiner spotten – Herrin, selbst der Wahnsinn wäre Gnade, wenn ich nur nicht nach draußen schauen müßte, wo das Grauen sprießt und wo die armen unwissenden Dörfler stehen und zu mir hereinschauen, in der Hoffnung ich könne etwas tun… Das Vieh und die Kinder sind jetzt nach den Pflanzen dran. Mehrere Kühe sind am Schwarzen Wasserbauch verendet, es gibt Totgeburten und Krüppelwachstum. Andere Tiere scheinen aus dem Dorf zu fliehen – ich wünschte, ich könnte das…

[…]

21 ING 22 – Herrin, Herrin, Herrin!!! Verzeih‘ mir doch! Nimm den Fluch von diesem Dorf! Ich halte das nicht aus – welchem frevlerischen Betrug bin ich da aufgesessen?! Ein Diener des Namenlosen vielleicht gar – ein böser Mensch, ganz sicher! Ben Seyshaban hat alles gewußt und mich die ganze Zeit getäuscht – ich bin auch sicher, daß er sogar in seinem Turm weilt, vielleicht leitet er von dort ein noch finstereres Ritual. Ich bete und bete, die Dörfler haben sich schon heute Mittag auf dem Platz getroffen und mich nicht zur Versammlung eingeladen. Was soll bloß werden, Herrin?

[…]

22 ING 22 – Ich habe wieder schrecklich geträumt heute Nacht, aber der Traum hat mir Gewißheit und Kraft gegeben: Ben Seyshaban leitet von Turm Drachentodt eine mächtige Beschwörung, er hat alles so geplant, ich werde gehen und ihn zur Rede stellen und notfalls mit meinen eigenen Händen aufhalten.
Oh weh, die Dörfler haben sich entschlossen, in mir den Ursprung allen Übels zu sehen – und sie haben wohl recht.
Sie haben sich vor der Tü r zusammengerottet, doch sie wagen nicht, den Tempel zu entweihen.
Die ersten übersteigen die Mauer zum Kräutergarten.
Sieh‘ ihre Gesichter, ihre Augen…
So sei es. Ich gebe mein Leben in Deine Hände.
Laniare Armand, zur Mittagsstunde

Quelle: Rückkehr der Finsternis

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